Es gibt Tage, an denen du ins Auto steigst und denkst: okay, kurze Runde, ich bin in zwei Stunden wieder zuhause. Und dann merkst du irgendwann, nach Stunde vier, mit leerem Trinkbeutel und Lehm bis zur Kniescheibe, dass der Wald eine andere Meinung hatte. Der Schönbuch ist so ein Wald. Hinterlistig in seiner Größe, still genug um vergessen zu machen wie spät es ist, und schön genug, dass man sich nicht wirklich aufregen kann.
Der Wald, der einen nicht loslässt
Ich wollte eigentlich nur kurz rein, ein paar Trails abchecken, wieder raus. Stattdessen hab ich den Akku leergefahren, den Wald vergessen und mich selbst gleich mit. Das ist der Schönbuch.
Für Staffel 4 von #MTBlife starte ich da, wo meine Beine immer wieder hinführen: direkt vor der Haustür. Kein Bikepark mit Liftbetrieb, keine Alpen, kein Instagram-Spot mit Warteliste. Sondern 156 Quadratkilometer Naturpark, südwestlich von Stuttgart, der erste in ganz Baden-Württemberg überhaupt und der ruhigste Ort, den du mit dem Flughafen Stuttgart als direktem Nachbarn finden kannst.
Wer das erste Mal kommt, sollte wirklich oben anfangen. Buchstäblich. Der Schönbuchturm steht auf dem Stellberg bei Herrenberg, 35 Meter Holz und Stahl auf 580 Metern über Null, gebaut auf einer ehemaligen Mülldeponie, was ihm diese leicht anarchische Note gibt, die ich mag. 348 Stufen, drei Plattformen, 360 Grad. Bei gutem Wetter siehst du den Schwarzwald, die Alb, Stuttgart. Bei schlechtem siehst du Wolken über Wolken über Wald. Beides gut. Der Turm ist kostenlos, immer offen, und du brauchst keine zwanzig Minuten vom Parkplatz.
Ich steh da oben und schau in den Wald und der Wald schaut irgendwie zurück. So einer ist das. Du siehst von hier oben, wie weit er geht. Und dann weißt du: okay, das wird ein langer Tag.
Die Jäger-Spezial-Tour — und warum Topographie lügt
Die Jäger-Spezial-Tour startet direkt am Parkplatz Schönbuchturm. Ich bin heute das erste Mal im oberen Teil unterwegs, Richtung Grätingen, auf dem Häuwegtrail. Und der Schönbuch tut, was er immer tut: er lässt dich in Sicherheit wiegen.
Die Topografie hier ist kein Alpenpanorama. Keine tausend Höhenmeter Abfahrt, kein Blockfeld, kein Gletscher. Das hier ist Mittelgebirge. Freundlich, könnte man denken. Überschaubar. Und dann fährt man eine Stunde, und irgendwas stimmt nicht mit den Beinen. Und dann fährt man noch eine Stunde, und der Akku, ich war damals mit dem eMTB hier, ist bei 20 Prozent. Und du bist irgendwo zwischen Bebenhausen und dem Nirgendwo.
Nach 100 Kilometern im Schönbuch waren ich und der Akku am Ende. Beide platt. Die Natur kann einen eben auch hier im Schwabenländle fesseln.
Es geht ständig rauf und runter. Kurze Wellen. Hoch, kurz runter, und dann wieder. Die Höhenunterschiede sind moderat, aber sie summieren sich. Und die Trails sind Shared Trails: du teilst dir die Wege mit Wanderern, Spaziergängern und dem Wild. Der Schönbuch ist Rotwildgebiet. Manchmal begegnet dir ein Hirsch und schaut dich an, als wärst du gerade recht egal. Das gehört dazu.
Was das Besondere hier ist: Diese Trails existieren, weil jemand gekämpft hat. ForstBW hat verstanden — im Gegensatz zur allgemeinen Tendenz in Baden-Württemberg, dass Mountainbiker keine Fremdkörper im Wald sind. Wer Zugang bekommt, lernt auch zu schätzen. Das Ergebnis ist ein offizielles Netz mit über 100 Kilometern, gelben Schildern, und Trails die wirklich funktionieren. Das ist nicht selbstverständlich. Das ist hier Arbeit von Jahren.
Waldenbuch, Ritter Sport und ein Trail der mehr ist als seine Länge
Weiter Richtung Stuttgarter Flughafen liegt Waldenbuch. Knapp 9.000 Einwohner, eine Weltmarke: Ritter Sport hat hier seine Produktion. Und unmittelbar daneben, buchstäblich ein paar Minuten Fahrt, liegt das Highlight für MTBler in dieser Ecke.
Der Brezeltrail. Eröffnet im Juni 2024. Erster offiziell genehmigter MTB-Trail in Waldenbuch, gebaut vom Verein Mountainbike Stuttgart e.V., Ortsgruppe Siebenmühlental. Und der Trail hat eine Geschichte, die wichtiger ist als seine Länge.
Maurice Pohlen — ein junger Rider aus der Region, hat sich drei Jahre lang für diese Strecke stark gemacht. Hat 600 Unterschriften gesammelt. Hat Verwaltungen überzeugt, Kompromisse gefunden, und am Ende mit dem Verein in Handarbeit gebaut. Was dabei entstanden ist, zeigt, was MTB-Community bedeutet, wenn sie sich nicht gegenseitig das Beste gönnt, sondern fragt: wer kommt eigentlich noch nach uns?
Der Brezeltrail ist für Fußgänger gesperrt, selten, wertvoll. Er hat Anlieger für Anfänger, Sprünge für Ambitionierte, und Linienwahl für die, die den Trail mehr fliegen als fahren wollen. Auf wenigen Hundert Metern ist alles drin, was ein anständiges Training braucht. Das ist kein Zufall. Das ist eine Entscheidung, die der Verein bewusst getroffen hat: nicht für sich selbst bauen, sondern für alle.
Wenn du den Trail nutzt: Klopf beim Verein an. Link in den Shownotes der Episode. Nur so bleibt sowas langfristig bestehen.
Das Siebenmühlental
Das Tal des Reichenbachs zwischen Leinfelden-Echterdingen und Waldenbuch heißt Siebenmühlental — und der Name stimmt nicht mehr ganz. Urkundlich erwähnt 1383 als sieben Mühlen im Reichenbach, stehen dort heute elf. Fünf davon sind noch bewirtschaftet und öffnen ihre Biergärten und Gaststuben: Eselsmühle, Mäulesmühle mit Bio-Restaurant und Mühlenmuseum, Schlösslesmühle, Kochenmühle, Burkhardtsmühle. Für Genussmenschen ist das ein Paradies. Für Rider ist es die Belohnung nach der Runde.
Aber ich will auch ehrlich sein, weil das hier so funktioniert: Die MTB-Situation im Siebenmühlental ist nicht die gleiche wie im Schönbuch. Informelle Trails, die hier jahrelang genutzt wurden, wurden nach der Eröffnung der neuen offiziellen Strecken eingeschottert. Was ForstBW verstanden hat, ist hier nicht ganz angekommen.
Ich schimpfe nicht. Aber ich sage es, weil Kritik sein darf, wenn sie berechtigt ist. Seit März 2025 gibt es den Flädle Trail und den Spätzle Trail, zwei neue offizielle Trails von Leinfelden-Echterdingen ins Tal. Vier Jahre Planung, in Handarbeit gebaut, schön geflowt. Das ist gut. Das ist der Anfang. Aber es ist eben noch nicht das Ende.
Der Schönbuch ist kein großes Erlebnis für ein Wochenende in den Alpen. Er ist das kleinere, leisere Erlebnis für einen langen Dienstagnachmittag, an dem du eigentlich nur kurz raus wolltest. Und genau darin liegt sein Wert. Nicht der Spektakel, sondern die Stille. Nicht die großen Linien, sondern der Trail der sich durch echten Wald schlängelt, während rechts ein Rothirsch steht und links der Weg kurz steil wird und du einfach mal Gas gibst.
Das ist es. Mehr braucht es manchmal nicht.
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